Der Einsatz von Gleichaltrigen im Unterricht von Kindern mit Autismus und anderen Entwicklungsschwierigkeiten

Der Einsatz von Gleichaltrigen im Unterricht von Kindern mit Autismus und anderen Entwicklungsschwierigkeiten

Autismus wird durch tiefgreifende Probleme im sozialen, kommunikativen und sprachlichen Bereich sowie durch begrenzte Interessen und Stereotypien charakterisiert. Obwohl die autistischen Merkmale in der Kind-Erwachsenen Beziehung bewertet werden, wird diese Entwicklungsstörung in Wirklichkeit am deutlichsten anhand der Schwierigkeiten sichtbar, die sie in der Interaktion mit Gleichaltrigen hervorruft. Daher überrascht es etwas, dass viele der klinischen und pädagogischen Interventionen für diese Betroffenen von Erwachsenen angewendet werden – die Gleichaltrigen bleiben außen vor. Wenn unser Ziel für sie eine erfolgreiche Interaktion und Kommunikation mit Gleichaltrigen ist, warum konzentrieren wir unsere Bemühungen dann darauf, ihnen die erfolgreiche Interaktion und Kommunikation mit erwachsenen Therapeuten beizubringen?

Die auf Erwachsene bezogene Natur der meisten Autismusinterventionen liegt wohl in der Entwicklungsgeschichte der wirksamen Interventionen begründet. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte Ivar Lovaas Methoden, die Prinzipien der angewandten Verhaltensanalyse (ABA) anzuwenden, um Kinder mit Autismus sowohl kognitive und sprachliche Fertigkeiten zu lehren als auch herausforderndes Verhalten zu reduzieren (1,2). Bis zu diesem Zeitpunkt galten viele dieser Kinder als “unbehandelbar” und “nicht unterrichtbar” und wurden in psychiatrischen u.ä. Einrichtungen untergebracht (3). In seinem Ansatz verwendete Lovaas eine vom Erwachsenen bestimmte Reihe von Kind-Erwachsener – Interaktionen, um Verhaltensweisen, die das Lernen beeinträchtigen, abzustellen. Gleichzeitg wurden Kommunikations- und Sprachfertigkeiten sowie kognitive und akademische Fertigkeiten unterrichtet. Lovaas‘ Ansatz hatte seinerzeit als übergeordnetes Ziel, durch frühe intensive Erwachsenenintervention ein die erfolgreiche akademische und soziale Inklusion störendes Verhalten und andere Blockaden zu reduzieren bzw. abzustellen.

Der Einsatz von Gleichaltrigen gegenüber Erwachsenen im Unterricht kommunikativer, sozialer und anderer Fertigkeiten verfolgt gleich mehrere Zwecke. Erstens macht der direkte Unterricht mit Gleichaltrigen den Transfer der mit einem Erwachsenen erlernten Inhalte oft überflüssig oder erleichtert ihn erheblich. Zweitens kann die effektive Verwendung von Gleichaltrigen als Lehrer die Arbeitsbelastung des Lehrpersonals verringern. Drittens stehen dadurch dem Kind mit Autismus mehr Lehr- und Lernmöglichkeiten den ganzen Tag über zur Verfügung. Und schlussendlich sollte man bedenken, dass Studien zufolge neurotypische Gleichaltrige auch selbst von der Mitwirkung an Aktivitäten im Rahmen der Inklusion profitieren (siehe e.g. 4).

Was sagen Studien über den Einsatz Gleichaltriger in der Autismusintervention?
In den späten 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen verschiedene Forscher, den Einsatz von Gleichaltrigen als direktes Mittel zur Verbesserung der Sozial- und Kommunikationsfertigkeiten bei Schülern mit Autismus. Heute gibt es Dutzende peer-reviewedte Veröffentlichungen zu diesem Thema, obwohl es bei der Mehrheit dieser Studien lediglich um zwei oder drei Kinder ging (siehe rezensiert in 5,6 ). Ein Beispiel: Pierce und Schreibman (1995) bildeten zwei 10-jährige, normal entwickelte Kinder zu “Therapeuten” für Sozial- und Sprachfertigkeiten aus. Ihre „Schüler“ waren zwei 10-jährige Kinder mit Autismus und einem Entwicklungsstand von ungefähr Dreijährigen in ihren sprachlichen Fähigkeiten. Dazu instruierten die Forscher ihre „Lehrer“ didaktisch in vier halbstündigen Sitzungen, gefolgt von vier Wochen , in denen sie ihnen in den täglichen 10-minütigen Spielzeiten mit dem autistischen Kind direktes Feedback gaben(7). Die Intervention durch die Gleichaltrigen führte bei beiden betroffenen Kindern zu häufigeren sozialen Initiierungen und einer gesteigerten Sprachproduktion während zukünftiger interaktiver Spielsituationen mit ihren Klassenkameraden (siehe auch 8).

In einer der größten und bestkontrollierten Studien, die bis heute für Interventionen durch Gleichaltrige bei Kindern mit Autismus durchgeführt wurden, unterrichteten Walton und Ingersoll (2012) sechs neurotypische Kinder im Reciprocal Imitation Training (RIT) mit ihren autistischen Geschwistern. Die Kinder mit Autismus waren 2 bis 5 Jahre und die Geschwister 8 bis 13 Jahre alt. In einem Zeitraum von 10 Wochen schulten die Forscher die Geschwister in zwanzig 15- bis 30-minütigen Sitzungen durch: 1) Ein kindgerechtes Minihandbuch, 2) Rollenspiele des Erwachsenen mit dem Kind, 3) Vormachen der Intervention mit dem autistischen Kind, 4) direktes Feedback für die Interventionsanwendung durch den Bruder/die Schwester mit dem autistischen Kind und 5) Poster mit Stichpunkten an den Wänden des Behandlungsraums (9). Bei fünf verschiedenen Fertigkeiten sollte nacheinander interveniert werden. Die Ergebnisse dieser Studie waren gemischt. Einige der Geschwister taten sich schwer, zwei oder mehr der fünf Zielfertigkeiten anzugehen. Außerdem zeigten nicht alle Kinder mit Autismus Fortschritte in ihrem Imitationsverhalten. Da einige vorangegangene Studien nachhaltige Verbesserungen der Imitationsfertigkeiten mit genau dieser Intervention durch Erwachsene bei sehr ähnlichen Kindern mit Autismus zeigten (10,11,12), legt dieses Resultat nahe, dass das Unvermögen der Geschwister, die Interventionskomponenten verlässlich anzuwenden zu dem Mangel an Erfolg beitrug. Andererseits konnten alle Kinder mit Autismus einen Zuwachs an sozialer Initiative als Ergebnis der Intervention verzeichnen. Letzteres Ergebnis ist stimmig mit früheren Studienergebnissen, nämlich dass häufigere soziale und kommunikative Initiierungen zu den nachhaltigen Wirkungen der Intervention durch Gleichaltrige zählen(6).

Die Studie von Walton und Ingersoll macht deutlich, wie wichtig angemessene und realistische Erwartungen an das Maß der Beteiligung des Gleichaltrigen sind, um die volle Wirkung der eingesetzten Methode zu erzielen. Die Intensität des Vorgehens in sowohl der Pierce & Schreibman (7,8) als auch der Walton & Ingersoll (2012) Studie verdeutlicht zudem den verhältnismäßig hohen Vorbereitungs- und Trainingsaufwand , der für die wirksame Implementierung von komplexen, vielschichtigen Interventionen erforderlich ist. Walton und Ingersoll beschreiben beispielsweise, dass der Unterricht in einer Fertigkeit evtl. die kontinuierliche Anwendung einer anderen, bereits vorher erlernten Fertigkeit behindert, was aus dem Training mit Erwachsenen unbekannt ist (9). Ungeachtet dieser Herausforderungen belegen das Niveau und die Art der vorhandenen Forschungsergebnisse , dass Intervention durch Gleichaltrige wichtig und für Kinder mit Autismus beim Erlernen vieler Fertigkeiten hilfreich ist(5,6).

Eine gute Möglichkeit, mit dem Einsatz von Gleichaltrigen zu beginnen sind relative leichte Aufgaben mit dem vorrangigen Ziel, die Anzahl kurzer, aber erfolgreicher kommunikativer Interaktionen zu erhöhen. Beispielsweise haben einige Studien ergeben, dass es zu einer höhere Quote entsprechender Kommunikation führt, wenn man einem Gleichaltrigen die vom Pecs-Schüler gewünschten Objekte gibt und dann die spontane Anfrage an den Erwachsenen zu diesem Kind hin umleitet (13,14,15,16). In diesem Fall ist die “Lehrerrolle” des Gleichaltrigen auf das beschränkt, was letztendlich eine normale interaktive Kommunikation zwischen den beiden Schülern werden wird. Im Einzelnen lernt der Gleichaltrige hier, das gewünschte Objekt zu halten, den Austausch des Bildes zu akzeptieren und dem Schüler dann das Objekt auszuhändigen. Diese Form der Interaktion kann gut in reguläre Schulaktivitäten integriert werden. Ein Beispiel: Der Lehrer ernennt jeweils ein Kind zum „Pausenchef“ oder „Spielzeugwart“, wobei der betreffende Schüler – auf die Anfrage/direkte Kommunikation seitens der anderen Schüler hin – für die Austeilung der Waren sorgt.

Empfehlungen für die Anwendungspraxis
Forschungen haben ergeben, dass Interventionen durch Gleichaltrige den Erwerb wichtiger sozialer, kommunikativer und sonstiger Fertigkeiten bei Kindern mit Autismus und verwandter Entwicklungsschwierigkeiten fördern. Sie betonen aber auch manche Herausforderungen beim Einsatz von anderen Kindern als Lehrer. Es ist beispielsweise notwendig, diejenigen Fertigkeiten für diese Interventionen auszuwählen, die von Gleichaltrigen korrekt angewendet werden können und sicherzustellen, dass dies auch zuverlässig geschieht. Obwohl bereits einige Veröffentlichungen zu diesem Thema erschienen sind, stecken Erforschung und Entwicklung von Interventionen durch Gleichaltrige noch in den Kinderschuhen. Im Folgenden zeige ich praktische Tipps und Anregungen für den Einsatz von Gleichaltrigen–Interventionen auf, die der Umsetzung „im richtigen Leben“ und unserem aktuellen, auf Forschungen beruhenden Verständnis Rechnung tragen.

Vorschläge und Richtlinien für eine Intervention mit Gleichaltrigen
– Starten Sie dieses Vorhaben mit einem relativ kleinen und einfachen Projekt
– Wählen Sie zunächst einen Unterricht , bei dem Sie sich wohlfühlen und gut auskennen
– Legen Sie vorher die genauen Fertigkeiten fest, die Ihr Schüler verbessern soll
– Legen Sie vorher die genauen Fertigkeiten fest, die der Gleichaltrige benötigen wird
– Finden Sie den am besten geeigneten Gleichaltrigen (Fertigkeiten, Persönlichkeit, Toleranz, Geduld und Bereitschaft)
– Ziehen Sie auch Geschwister als “Lehrer” in Betracht, da Studien deren Wirkung belegen
– Informieren Sie die Eltern des Gleichaltrigen über Inhalt und Umfang der Beschäftigung
– Informieren Sie die Eltern des Gleichaltrigen über Vorteile und Gewährleistung der Sicherheit ihres Kindes
– Planen Sie genug Zeit für die Unterrichtsplanung und das Training des Gleichaltrigen ein
– Betten Sie direktes Feedback für den Unterricht des Kindes in das Training ein
– Betten Sie Überprüfungen der Anwendungsqualität durch den Gleichaltrigen ein, um Fehler zu beseitigen
– Sorgen Sie für Sicherheit und Wohlbefinden des Gleichaltrigen und des Schülers
– Geben Sie dem Gleichaltrigen konkretes positives Feedback für seine Fertigkeiten und allgemeines Lob für seine Teilnahme
– Entwickeln Sie einen Plan, mit diversen Fehlern seitens des gleichaltrigen Lehrers umzugehen
– Bauen Sie allmählich Zuversicht und Kompetenz durch wachsende Fertigkeiten und Unterrichtsinhalte auf

Durch realistische Ziele, Vorausplanung und schrittweises Vorgehen können Sie bedeutende Fortschritte in der Kernkommunikation und den sozialen Interaktionen Ihrer Schüler und der Gleichaltrigen erzielen!

Literatur
1. Edelson, S. M., Taubman, M. T., & Lovaas, O. I. (1983). Some social contexts of self-destructive behavior. Journal of Abnormal Child Psychology, 11(2), 299-311.

2. Lovaas, O. I. (1987). Behavioral treatment and normal educational and intellectual functioning in young autistic children. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 55, 3-9.

3. Henninger, N. A., Taylor, J. L. (2013). Outcomes in adults with autism spectrum disorders: a historical perspective. Autism, 17(1), 103-116.

4. Harris, S. L., Handleman, J. S., Kristoff, B., Bass, L., & Gordon, R. (1990). Changes in language development among autistic and peer children in segregated and integrated preschool settings. Journal of Autism and Developmental Disorders, 20(1), 21-31.

5. Smith, T. (2012). Evolution of research on interventions for individuals with autism spectrum disorder: implications for behavior analysts. The Behavior Analyst, 35, 101-113.

6. Zhang, J., & Wheeler, J. J. (2011). A meta-analysis of peer-mediated interventions for young children with autism spectrum disorders. Education and Training in Autism and Developmental Disabilities, 46(1), 62-77.

7. Pierce, K., & Schreibman, L. (1995). Increasing complex social behaviors in children with autism: effects of peer-implemented pivotal response training. Journal of Applied Behavior Analysis, 28, 285-295.

8. Pierce, K., & Schreibman, L. (1997). Multiple peer use of pivotal response training to increase social behaviors of classmates with autism: results from trained and untrained peers. Journal of Applied Behavior Analysis, 30, 157-160.

9. Walton, K. M., & Ingersoll, B. R. (2012). Evaluation of a sibling-mediated imitation intervention for young children with autism. Journal of Positive Behavioral Intervention 14(4), 241-253.

10. Ingersoll, B. (2010). Brief Report: Pilot randomized controlled trial of Reciprocal Imitation Training for teaching elicited and spontaneous imitation to children with autism. Journal of Autism and Developmental Disorders, 40, 1154-1160.

11. Ingersoll, B., Lewis, E., & Kroman, E. (2007). Teaching the imitation and spontaneous use of descriptive gestures to young children with autism using a naturalistic behavioral intervention. Journal of Autism and Developmental Disorders, 37, 1446-1456.

12. Ingersoll, B. & Schreibman, L. (2006). Teaching reciprocal imitation skills to young children with autism using a naturalistic behavioral approach: Effects on language, pretend play, and joint attention. Journal of Autism and Developmental Disorders, 36, 487-505.

13. Garfinkle, A. N., & Schwartz, I. S. (1994). PECS with peers: Increasing social interaction in an integrated preschool. Paper presented at the meeting of The Association for the Severely Handicapped, San Francisco, CA, November.

14. Kodak, T., Paden, A., & Dickes, N. (2012). Training and Generalization of Peer-Directed Mands With Non-vocal Children With Autism. The Analysis of Verbal Behavior, 28, 119–124.

15. Paden, A. R., Kodak, T, Fisher, W. W., Gawley-Bullington, E. M., & Bouxsein, K. J. (2012). Teaching children with autism to engage in peer-directed mands using a picture exchange communication system. Journal of Applied Behavior Analysis, 45(2), 425–429.

16. Cannella-Malone, H. I., Fant, J. L., & Tullis, C. A. (2010). Using the Picture Exchange Communication System to Increase the social communication of two individuals with severe developmental disabilities. Journal of Developmental and Physical Disabilities, 22, 149–163.

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